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Klaus Piper über Brecht
Bemerkungen zu Bertolt Brechts "Flüchtlingsgesprächen"
Die "Flüchtlingsgespräche", entschieden mehr als etwa nur ein Nebenwerk von Brecht, haben mir schon vor vielen Jahren einen starken Eindruck gemacht. Beim Wiederlesen hat dieser sich noch verstärkt.
Ziffel, der Physiker, der Intellektuelle, und Kalle, der Metallarbeiter und Gewerkschaftler, sind den hechelnden Spürhunden Hitlers nach Finnland entkommen und treffen sich in den Jahren 1940/41 regelmäßig im Bahnhofsrestaurant, um bei Bier oder Kaffee
über die "Lage" zu sprechen - die Politik, die Schrecken der Zeit, das richtige Leben und die Zukunft.
Die beiden Flüchtlinge sind kraft ihrer Herkünfte, Erfahrungen und Denkweisen, worüber sie sich explizit gar nicht äußern, "natürlich" Sozialisten, aber sie huldigen keineswegs einem ausgetrockneten dogmatischen Marxismus. Die Skala ihrer Hoffnungen und
Ängste ist breit. Sie debattieren mit verhaltener Erregung, aber sie sprechen gelassen, geradezu mit einer verstohlenen inneren Heiterkeit.
Ein kleines Beispiel möchte ich geben für die vielfachen dialektischen Reize im Reden und Argumentieren dieser Diskutanten. Ziffel äußert einmal, daß es auch "unter uns Unbedeutenden ... gewaltige Unterschiede" gibt, nach "ethischem und anderem Maß". Dann
kommt der geradezu provozierende Satz: "Dies ist keine Frage, daß die unbedeutenden Menschen in unserer Zeit im Aussterben begriffen sind". Wir Heutigen lesen das und fragen uns: Sollte sich etwa durch Internet und das, was dazugehört, überraschenderweise
soviel Bildung und Charakter unter den Menschen neu entwickeln, daß Ziffels Prophezeiung Sinn bekommt?
Der besondere Gewinn, den der Leser aus den "Flüchtlingsgesprächen" ziehen kann, liegt in folgendem. Wir sehen zwar die beiden Akteure der Gespräche als reale Menschen vor uns, aber sehr stark zugleich als Träger von Erfahrungen und Gedanken, also
sozusagen nur als "halbe" Individuen. Gerade deshalb sind die Gespräche so anregend für den Leser: Er muß das, was er liest, mit eigenem Erfahrungs- und Denkgut auffüllen. Die federnd-klare Sprache, die vor ihn hintritt, macht das zum großen Vergnügen.
Ein Punkt zu der bei dem großen Bertolt Brecht verkürzten politischen Sehweise: In den "Flüchtlingsgesprächen" kommt eine absolut verneinende Distanz zum Kapitalismus zum Ausdruck. Wir sollten das Brecht nach fünfzig Jahren nicht ankreiden, aber "ihn"
doch daran erinnern, daß erst das Zweckbündnis von kommunistischer Sowjetunion und kapitalistischem Westen es fertigbrachte, die Hitlersche Welteroberungsmaschine schließlich in tausend Stücke zu zerschlagen.
Im Übrigen: Die zentrale sozialistische Idee bei Brecht, Triebkraft wesentlich seines Denkens und Gestaltens, mit dem Ziel einer befreiten Weltgesellschaft, ist durch das ruhmlose Erlöschen des Realen Sozialismus nicht ein Nichts geworden.
Wer wollte den Glauben ein für allemal wegwerfen, daß die Menschen einmal in der Lage sein werden - sein müssen, eine bessere, menschlichere Welt aufzubauen? Das wird eine revolutionäre Umwälzung sein, die nicht mit Selbsttäuschung, Lüge, neuer
Unterdrückung und Bomben arbeitet, sondern mit Geduld und Einsicht, und sehr viel Klugheit und Mut. Immerhin würde Brecht, wie ich glaube, wenn er die gegenwärtige Lage ins Auge fassen könnte, mit einer gewissen Befriedigung vermerken, daß die zweite
Hälfte dieses Jahrhunderts, bei allen entsetzlichen Rückschlägen, doch einige Fortschritte auch in seinem Sinn gezeitigt hat.
Bertolt Brecht wird als Menschendurchschauer und Menschengestalter über alle Zeitbedingtheiten hinweg mit seinem Werk vielen Menschen auch im nächsten Jahrhundert Viel und Wichtiges zu sagen haben.
Klaus Piper, 12. Oktober 1997
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