Augenblick: Brecht
100 Jahre Bertolt Brecht
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Zur Person - Wolf Biermann

Dichter, Liedermacher, Komponist und Essayist Hamburg
Geb. am 15.11.1936 in Hamburg, übersiedelte 1953 in die DDR
Studium der Politischen Ökonomie, Philosophie und Mathematik an der Ost-Berliner Humboldt-Universität
Vorübergehende Tätigkeit als Regieassistent beim Berliner Ensemble
Elf Jahre wohnhaft in der Chausseestraße 131 (Brecht wohnte in der Chausseestraße 125)
Großer Einfluß auf seine Kompositionstätigkeit durch Hanns Eisler

Weil er zunehmend kritische Lieder und Gedichte schrieb, wurde er dort seit 1965 verboten (nach Erscheinen seines Gedichtbandes "Die Drahtharfe"). Im November 1976 wurde Biermann nach dem legendären Kölner Konzert trotz Zusicherung der Wiedereinreise in die DDR ausgebürgert - zahlreiche Solidaritätsadressen von Kulturschaffenden und Politikern blieben ohne Erfolg.
Im Westen schrieb er weiter Gedichte und Lieder, die er in zahllosen Konzerten zwischen Moskau, Berlin und Los Angeles vortrug. Er produzierte über 20 Schallplatten sowie 16 Bücher mit Gedichten, Liedern, Theaterstücken, Prosa. Mit seinen Essays mischte er sich sehr wirksam in die öffentliche Diskussion nach dem Zusammenbruch der DDR ein.
Auch der frühe Biermann ist nun auf CD erhältlich, von "Chausseestraße 131" über die Kinderlieder "Der Friedensclown" bis hin zum Kölner Konzert "Das geht sein' sozialistischen Gang". Ebenso alle Lieder, die Wolf Biermann dann im Westen schrieb und sang, gibt es jetzt auf CD für aufreizend wenig Geld - allerdings nur beim Zweitausendeins-Versand.

Als jüngste seiner zahlreichen Auszeichnungen (Fontane-Preis, Jacques-Offenbach-Preis, Heinrich-Heine-Preis, Georg-Büchner-Preis, Deutscher Schallplattenpreis ...) erhielt Wolf Biermann den Nationalpreis 1998 (er hat sich damit als Prophet entlarvt - siehe sein Lied "Die Populär-Ballade" von 1965 auf der CD "Aah-ja!").



Nichtige Wichtigkeiten über Brecht

Aus einem Brief der "Berliner Zeitung" vom 23.12.1997:

Sehr geehrter Herr Biermann,
"Schön ist es / das Wort im Klassenkampf zu ergreifen".
Auch sechs Wochen vor Bertolt Brechts 100sten Geburtstag ist es nicht zu spät. Für unsere kleine Umfrage bitten wir Sie um die Beantwortung von drei Fragen.

1. Was war Ihrer Ansicht nach Brechts bester Einfall, was sein größter Fehler?
2. Leben wir im Zeitalter Brechts?
3. Würden Sie gerne mal etwas Brechtisches tun? Was denn? ...


Wolf Biermann über Brecht

Verehrte Theater- und Littratuurredaktöre der Berliner Zeitung,
lieber Detlef Friedrich, lieber Stephan Speicher,

das soll mein Dank sein für die Einladung zu der geplanten Umfrage: Ich liefere Ihnen lieber kein Wort zu dem Ansinnen, diese drei Unfragen zu beantworten. Aber das Brecht-Zitat, das Sie da als Motto gewählt haben, reizt mich doch: es ist hochinteressant falsch zitiert, will sagen: es kann nicht von Brecht sein. Ich habe des Meisters Werke grade nicht zur Hand, aber soviel doch im Kopfe. Bert Brecht würde um nichts in der Welt geschrieben haben:

"Schön ist es / das Wort im Klassenkampf zu ergreifen"

nach meinem Gedächtnis heißt es in seinem frühen Stück

"Die Maßnahme": "Schön ist es / das Wort zu ergreifen im Klassenkampf".

Es lohnt sich, mit gehöriger Pingeligkeit auf diesen winzigen Unterschied hinzuweisen, denn genau er macht den typischen Brecht-Ton aus, der nicht nur ein origineller Sound ist, nicht nur ein raffinierter Stil, schon gar keine modische Masche. Ja, Pingeligkeit! Von dem chronischen Wortedieb Brecht stammt der Satz: Man solle in Fragen des geistigen Eigentums nicht so pingelig sein ... Ich würde in seinem Sinne fortsetzen: ... wohl aber pingelig in Fragen der Poetik. Diese neun Wörter hier liefern uns den poetologischen Code eines genetischen Fingerabdrucks des Dichters Brecht, wenn wir ihn nur richtig entschlüsseln.

Die von Ihnen gelieferte verdorbene Version soll uns eine willkommene Gelegenheit sein, dem Brecht in die Werkstatt zu schaun. Es zeigt sich hier nämlich die brechtsche Methode, in lebendigen Widersprüchen zu denken und zu schreiben - und das heißt:

Brecht liefert mit Vorliebe an den geeigneten Bruchstellen seines Gedichtes vor dem So-Sein der folgenden Gedichtzeile immer ein scharfes "Nicht so, sondern so!" - Will sagen: das gar nicht in Worte gefaßte "Nicht so!" kann bei dieser Technik vom Leser immer auch mitgedacht werden als Möglichkeit.

Lesen Sie mal nach bei Brecht: "Über die reimlose Lyrik." Da beschreibt er schön genau, wo er bei Gedichten, die weder Reime noch einen festen Rhythmus haben, die Zeilenbrüche hinbaut und warum. Kurz gesagt: immer an der Wegscheide des poetischen Gedankens, immer dort, wo sich mehrere, also wenigstens zwei Möglichkeiten anbieten. Die Gabelung eröffnet verschiedene Wege der Weiterführung. Von Brecht fast pädagogisch bös bevorzugt: Holzwege, die der Dichter in seinem Gedicht an dieser Stelle dem Leser anbietet. Die dann wirklich folgende Zeile liefert bei solchem Zeilenbruch dann aber die verblüffende Entscheidung: "Nein, nicht da geh ich lang, du zünftiges Wanderbürschlein, sondern dort, ins Dickicht der Städte." Schon die erste Zeile bietet ein prima Beispiel: "Schön ist es ..." - da seh ich in dieser Zeilenzäsur schon den proletkultivierten Bürgerschreck Brecht gemein grinsen, denn der frischkonvertierte Kommunist lockt allerhand traditionelle Leser in den kitschigen Schönheitsbegriff der Schöngeister im Salon, die chronisch eine zartbesaitete Gier auf alles Guute und Schööne haben. So foppt Brecht seine gutbürgerlich gebildeten Kunden, die als hegelsches Naturschönes den Sonnenuntergang genießen oder als Kunstschönes ein dunkel verquastet Beispiel von Stefan Georgischer Ich-weiß -wirklich-nicht-was-es-bedeuten-soll-Lyrik auf sich einwirken lassen, deren unergründlichen Sinn sie so angenehm tiefsinnig nimmermehr ergründen. "Schön ist es ..." - der Sekt perlt schon in der Seele auf - tja, und dann soll ausgerechnet der Schmutz in der Arena des Klassenkampfes "schön" sein, der Geifer im Streit, der Schweiß der Arbeiter, den Heine wohl ehren wollte aber nicht riechen konnte. "Schön ..." sollen die Schreie der Massakrierten sein, das Gebrüll wechselnder Sieger, die aufeinanderprallenden Agitationslügen in blutigen Maulschlachten.

Aber schaun wir uns erst einmal den Anfang der zweiten Zeile genauer an. Brecht benutzt hier die gängige Redewendung: "das Wort ergreifen ..." - und dann erst kommt die frappierende, die nicht erwartete Wendung: "im Klassenkampf". So entsteht ein Überraschungseffekt. (Seine eigene Poetik streng angewandt, könnte er auch hier einen Zeilenbruch machen, womit der "Klassenkampf" dann in einer dritten Zeile für sich stände. Warum er das nun - meine Meinung, versteht sich - nicht gemacht hat, erkläre ich damit, daß er ganz nebenbei keinen allzu zerfetzten expressionistischen Duktus haben wollte.) Es klingt ja ersteinmal wie die banale Mitteilung eines Gernredners: "Schön ist es, das Wort zu ergreifen ..." - der brechtsche Schauspieler auf der Bühne müßte hier listig retardieren. Mit dieser kleinen Zäsur könnte er seine Zuhörer erstmal ins nächste produktive Mißverständnis locken. So baut sich ein guter negativer Reflex auf gegen chronische Quasselköppe - und der wiederum wird dann elegant verbraucht für die unerhörte Neuigkeit: "... im Klassenkampf".

Klassenkampf - ein Wort, bei dem man ja naiv an Arbeiterfäuste denkt, an Fahnen und Fabriken, an Kampfdemonstrationen, an Pflastersteine und Schießprügel, an Gummiknüppel, Flugblätter, an Barrikaden in den 20er und 30er Jahren. Man denkt vielleicht an den "kleinen Trompeter" und an staatliche Maschinengewehre, die im Sinne einer politischen Stadtreinigung die Straßen leerfegen. Allein das Gebrüll in solchen Klassenkampfszenen wird durch den grotesken Gebrauch des noblen Wortes "ergreifen" wunderbar verfremdet. So blitzt und funkelt der Diamant in Brechts geschliffenen Worten aus allen Façetten.

An diesen zwei Gedichtzeilen könnten wir also erkennen, was in unserem Zeitalter denn eigentlich das "Moderne" an Brechts Sprache ist. Wir Nachgeborenen fast alle - ich sowieso - wurden geprägt von diesem Brecht-Deutsch. Freilich, als Element finden Sie diese poetische Technik in jeder großen Dichtung, aber Brecht hat es zu einer kalt kalkulierten Methode gemacht.

Ich schreibe Ihnen so übertrieben ausführlich dazu, weil Sie an dieser Stelle schön anschaulich auch begreifen, warum Brecht-Übersetzungen in andere Sprachen oft so verfehlt sind. Der intelligente Zauber der Brecht-Sprache liegt im raffiniert Einfachen. Scharf geschliffene Steine: brilliant lapidar, aber nicht dunkel wabernd, nichts da von der falschen Tiefe einer trüben Wasserpfütze. Brechts Phantasie zeigt die phantastische Welt und nicht den phantasierenden Worteverkäufer, der seinen ausgehungerten Klienten Sägespäne als Mehl verkauft und sie betrunken macht mit dem vergällten Spritus falschen Tiefsinns.

Dabei will ich nicht verheimlichen, daß auch das Pathos radikaler Nüchternheit besoffen machen kann. Ich hab den Kater nach solchem Fusel erlebt. Dennoch: Der brechtsche Gestus erinnert mich an den treffsicheren Strich in den Zeichnungen von Picasso - also das gute Gegenstück zu den phantasiearmen und akademiebiederen Spießerphantastereien des albernen Salvador Dalí.

Und Brecht - typisches Zeichen des Genies - hat nicht das, was die Literaten "guten Geschmack" nennen. Und noch etwas: Da er wirklich originell ist, bemüht er sich nicht spießig um Originalität. Im Gegenteil: Brecht kennt keine Scheu vor dem abgenutzten Sprachmaterial. Der kennt keine Angst vor geschmacklosen Schablonen, vor abgedroschenen Redewendungen, geflügelten Worten, zerredeten Zitaten. Brecht schreibt oft so, daß er gefährlich nahe am Banalen vorbeischrammt. Und grade diese hochgestochene Einfachheit, diese auserlesene Normalität kommt in einer primitivierten Übersetzung nur als eindimensionale Banalität zur Erscheinung. So passiert es, daß man immer wieder von klugen Leuten, die bei unserem Dichter auf die Übersetzung angewiesen sind, hört: Ich versteh gar nicht, was Ihr Deutschen an diesem Brecht habt, das ist doch keine große lyrische Dichtung, das ist doch, pardon, ... primitiv.

Ein anderes und größeres Thema und eine nichtige Wichtigkeit wäre aus heutiger Sicht das, was Brecht mit "Klassenkampf" wirklich meinte, als er mitten im revolutionsromantischen Honneymoon mit dem Kommunismus diese zwei Zeilen schrieb. Aber ich bleibe erstmal lieber bei den wichtigen Nichtigkeiten.

Es ist seit je reizvoll, an einem Teilchen das Ganze zu identifizieren. Sogar die Gedankenpolizei in totalitären Regimen hat ihre Freude an solcher Methode. Als in den 60er Jahren die beiden sowjetischen Schriftsteller Julij Daniel und Avram Sinjawski unter Pseudonymen ihre staatsfeindlichen Novellen im Westen veröffentlichten, suchte der sowjetische Geheimdienst fieberhaft nach den Autoren. Besonders die Erzählung "Hier spricht Moskau" machte die sozialistischen Sittenwächter nicht etwa blindwütig, sondern gradezu hellsichtig. In "Hier spricht Moskau" wurde nämlich mit sarkastischem Witz vorgeführt, wie wunderbar es wäre, wenn die Staats- und Parteiführung der UdSSR im Zuge der weiteren Demokratisierung nach dem "Tag des Lehrers" und nach dem "Tag des Friedens", nach dem "Tag der Frau" und dem "Tag des Eisenbahners" und dem "Tag des Kindes" nun auch einen "Tag des Mordens" als Feiertag stiften sollte. An diesem arbeitsfreien Tag sollte das Privileg des Staates zum Recht aufs Morden eben für wenigstens einen Tag im Jahr ans Volk übergeben werden, ein Tag also, an dem jeder Bürger der Sowjetunion die Muße und die Möglichkeit hat, jeden anderen Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates nach Herzenslust umzubringen, ohne dafür bestraft zu werden ...

Alle Literaten des Landes, die als Kandidaten für die Autorenschaft dieses im Sinne von Swift wirklich "modest proposal" irgendwie in Frage kamen, wurden mit für sie typischen Texten in einen amerikanischen Computer eingespeist. Und dann wurde durch linguistische Textanalyse solange selektiert, bis man die Beiden auf dem Haken hatte. Nicht ein Spitzel, sondern die wirklich eigene Sprache hat sie verraten. Julij Daniel wurde zu fünf Jahren verschäften Arrests im "Gulag" verurteilt, die er in der mordwinischen SSSR absaß.

Freilich fällt mir dazu eine passende Geschichte in deutscher demokratischer Prosa ein. Am fünften Jahrestag des Einmarsches der fünf Warschauer-Pakt-Staaten in die CSSR, also am 21. August 1973, tippte ein junger Arzt in Dresden ein Gedicht von mir, ein Lied über meine Hoffnungen auf den "Prager Frühling", zweimal mit seiner Schreibmaschine ab: "In Prag ist Pariser Commune". Die so hergestellten zehn Exemplare verbreitete er heimlich in Dresden. Die Staatssicherheit suchte und fand endlich den Staatsfeind, einen Dr. Volker Böricke, der grade dabei war, in einer Dresdener Klinik seine Fachausbildung als Augenarzt zu absolvieren.

Dieser junge Mann, zwei Meter lang und spindeldürr, ging an einem schönen Morgen in jenen Tagen neben seinem Chefarzt in den Operationssaal. Plötzlich griff ihm der vorgesetzte Kollege mit Daumen und Zeigefinger von hinten hoch auf die Schulter und pflückte seinem Assistenzarzt ein herabgefallenes Haupthaar vom Operationskittel. Dazu sagte er im drolligen Tonfall eines väterlichen Vorwurfs: "Aaber! aber, mein liieber Kollege! man geht doch wohl nicht zur Operation mit einem Haar auf der Schulter!" - Dieses Haar hatte die Staatssicherheit beim Chefarzt bestellt, denn er war ein Inoffizieller Mitarbeiter der "Firma". Anhand dieses Haares gelang es den Biochemikern des MfS, den jungen Arzt als Täter zu identifizieren. Er wurde zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, und ich hatte mit ihm und seinem Fall dann noch mehr als nur Aufregendes zu tun. Dieser nach dem ¦ 106 (Staatsfeindliche Hetze) verurteilte Querulant wurde im VEB-Knast besonders gequält, weil er sich nach halb abgesessener Haftzeit aus dem DDR-Gefängnis partout nicht an den Westen hatte verkaufen lassen wollen.

Zurück zu Brecht. Es gibt genügend anschauliche Teilchen, an denen man das Ganze erkennen kann. In einer früheren Fassung seines Gedichtes "Gegen die Objektiven" heißt es:

Wenn die Kämpfer gegen das Unrecht
Ihre verwundeten Gesichter zeigen
Ist die Ungeduld derer, die in Sicherheit sind
Groß.

Wie dieses Wörtchen "groß" da nach einer elend langen Gedichtzeile und nach einer kleinen Zäsur einsam dasteht und dabei eine ganze Zeile ausfüllen muß - das ist kälteste und dennoch herzzerreißende Sprache, das eben ist große Dichtung.

Es gibt unter den 154 Sonetten von William Shakespeare eines, in dem der Elisabethaner mit , feiner Selbstironie über den Ton seiner Dichtung spricht. Seit den Meistersingern wissen wir ja: Es kommt auf den Ton an, der die Musik macht, es ist der unverwechselbare Ton, der dem Meister das Gesicht liefert, die Identität, ja, man könnte sagen: In der Konkurrenz mit anderen Wortehändlern und Liederverkäufern das lukrative Markenzeichen, auf das die Kunden fliegen, weil sie es sofort wiedererkennen - in der Sprache der Popmusik: der unverwechselbare Sound.

Shakespeare, das 76. Sonett
Warum bloß trägt mein Vers 'nen abgetragnen Rock
Spreizt sich nicht groß im Ton vom allerletzten Schrei
Der Literaten? Warum habe ich kein' Bock
Auf zeitgeisthochgestylte Modereimerei?

Wie kommts, daß ich nur schreib was längst geschrieben steht
- und wenn ich Neues fand, kleid ich's in altes Kleid
Wie kommt es, daß mich schon das kleinste Wort verrät
- man riecht sofort wo's herkommt, und man weiß Bescheid

O, wisse, Liebste, du bist Schuld, wenn mein Gedicht
Von Dir nur weiß. Du und die Liebe machen das.
Nur alte Hüte putz ich auf, mehr kann ich nicht.
Ich liefer, was schon da ist. Wasser mach ich naß.

So, wie die alte Sonne täglich neu aufbrach
Spricht meine Liebe auch - wie sie schon immer sprach.

Nach all solchen Überlegungen - angestachelt durch den Ärger über ein Zitat, das vielleicht nur beim Abschreiben einer übermüdeten Sekretärin so in die Tasten geriet - lese ich die geschmähten Unfragen der Umfrage nochmal mit neuem Blick. Dermaßen daneben sind die drei Fragen denn doch nicht. Will sagen: Es gibt jedenfalls meistens mehr dumme Antworten als dumme Fragen. Also bescheide ich mich und versuche nun doch noch eine Antwort:

zu 1.) Brechts bester Einfall war es, Kommunist zu werden, denn das gefiel seiner Muse. Sein schlechtester Einfall: Kommunist zu bleiben.
Kurz nach dem XX. Parteitag der KPdSU flüchtete der Dichter sich mit einem Schnupfen während der Proben zu dem Stück "Leben des Galilei" in die Krankheit und ... in den Tod. Chruschtschow hatte mit seiner Geheimrede im Februar 1956, die Brecht natürlich kannte, das blutige Tuch des Stalinismus über dem Land des "Großen Oktober" gelüftet. Nun spätestens hätte Brecht noch einmal einen Bruch wagen müssen, den Bruch mit der massenmörderischen kommunistischen Heilslehre. Aber er war zu müde, zu stolz, wer weiß - zu verletzt.

zu 2.) Ja.

zu 3.) Andere für mich dichten lassen.

Wolf Biermann, 21. Januar 1998

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Letzte Änderung am 22.05.1998

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