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Das Gedicht: Augenblick von Freiheit
Gespräch mit Hilde Domin über
Lyrik und Sprache, Hesse und den deutschen Pen
Von unserem Redaktionsmitglied Günter Ott
Hilde Dornin war wiederholt in Augsburg zu Gast, zuletzt am Dienstag abend
im Rahmen der Hesse-Literaturreihe. Die 1912 in Köln geborene Tochter eines
jüdischen Rechtsanwalts verließ, den aufkommenden Nationalsozialismus
vor Augen, Deutschland bereits 1932 zusammen mit Erwin Walter Palm, ihrem späteren
Mann.
Italien und England waren Stationen auf dem Weg ins
dominikanische Exil. Erst 1954 kehrte die Dichterin, die den Namen "Domin"
nach Santo Domingo wählte, in ihr Heimatland zurück. Seit 1961
lebt sie in Heidelberg. Anläßlich ihres Augsburg-Besuches sprachen
wir mit Hilde Domin.
Frage: Sie haben Hermann Hesse ein
einziges Mal besucht, 1959 im Tessin. Hat er Sie in irgendeiner Weise
literarisch geprägt? Domin: In keiner Weise. Beeinflußt
haben mich Dichter wie Rafael Alberti und Giuseppe Ungaretti. Allerdings habe
ich Hesses "Narziß
und Goldmund" in der Dominikanischen Republik gelesen,
in schlechter englischer Übersetzung, das war eine Heimwehlektüre. Und
ich habe mit Hesse über den Titel meines ersten in Deutschland veröffentlichten
Gedichtbandes gesprochen: "Nur eine Rose als
Stütze". Er war damit einverstanden.
Frage:
Können Sie den Titel erläutern? Domin: Das Zerbrechlichste
ist der Halt. Das ganze Leben ist paradox. Der Titel ist Ausdruck dieser
Paradoxie.
Frage: Als Sie 1954, nach 22 Jahren, nach
Deutschland zurückgekehrt, sagte Sie, "der
Sprache wegen bin ich zurückgekommen". Für
Paul Celan war Deutsch immer auch die Sprache der Mörder seiner Eltern
. . . Domin: Die deutsche Sprache ist die Sprache von Goethe
und Rilke, auch von Thomas Mann, es ist nicht nur die Sprache der Mörder.
Frage: 1968 erregten Sie mit "Wozu Lyrik heute"
Aufsehen, einem profunden Buch über
"Dichtung und Leser in der gesteuerten Gesellschaft".
Wenn man den Titel mit einem Fragezeichen versähe, was würden
Sie antworten? Domin: Nichts anderes als das, was ich damals
geschrieben und in Poetikvorlesungen in Frankfurt und Mainz dargelegt habe. Sie
standen unter dem Motto "Das Gedicht als Augenblick von
Freiheit".
Lyrik ist dazu da, um sich freizumachen von dem, was einen bedrückt.
Um von Belastungen loszukommen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Für den
Katholiken ist die einfachste der Beichtstuhl. Oder Sie können einem
Analytiker von Ihren Nöten erzählen. Die dritte Möglichkeit ist,
Gedichte zu schreiben. Dichten heißt Benennen. Das Benennen macht frei -
als Gegensatz zum Verdrängen.
Frage: Sie haben
Lyrik-Anthologien herausgegeben, etwa "Nachkrieg
und Unfrieden". Welche zeitgenössischen Lyriker
schätzen Sie besonders? Domin: Ich war in Jurys dabei, die
Reiner Kunze und dem Perser Said einen Preis gegeben haben. Sehr gut finde ich
den in Leipzig lebenden Michael Wüstefeld, einen unterbewerteten Lyriker.
Auch Durs Grünbein gehört zu den besten zeitgenössischen Autoren.
Mittel gegen Programmierung
Frage: In der Brechtstadt
Augsburg liegt die Frage nahe, ob man der Dichtung politische Wirkung zusprechen
kann . . . Domin: Lyrik steigert das Verantwortungsgefühl,
sie erhöht die Identität des Menschen und wehrt Tendenzen der
Programmierung. Ich glaube nicht an die Änderung der Wirklichkeit durchs
Gedicht, aber an die Änderung des Einzelschicksals.
Frage: Sie sind Mitglied des Pen-Autorenverbandes, mithin Zeugin des
sich zäh hinziehenden Einigungsprozesses der west- und ostdeutschen
Schriftsteller. Wie sieht Ihre Lösung des Problems aus? Domin:
Ich habe vorgeschlagen, den West- und Ost-Pen und auch den Exil-Pen aufzulösen
und eine Kommission zu bestimmen, die einen neuen Pen wählt. Aber mein
Bestreben, völlig neu anzufangen, war nicht mehrheitsfähig.

Hilde
Domin bei ihrer Lesung im Augsburger Rathaus. Bild: Erich Jaut
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