Augsburger Allgemeine 27.02.1997
AZ / Nummer 48

Das Gedicht: Augenblick von Freiheit

Gespräch mit Hilde Domin über Lyrik und Sprache, Hesse und den deutschen Pen

Von unserem Redaktionsmitglied Günter Ott

Hilde Dornin war wiederholt in Augsburg zu Gast, zuletzt am Dienstag abend im Rahmen der Hesse-Literaturreihe. Die 1912 in Köln geborene Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts verließ, den aufkommenden Nationalsozialismus vor Augen, Deutschland bereits 1932 zusammen mit Erwin Walter Palm, ihrem späteren Mann.

Italien und England waren Stationen auf dem Weg ins dominikanische Exil. Erst 1954 kehrte die Dichterin, die den Namen "Domin" nach Santo Domingo wählte, in ihr Heimatland zurück. Seit 1961 lebt sie in Heidelberg. Anläßlich ihres Augsburg-Besuches sprachen wir mit Hilde Domin.

Frage: Sie haben Hermann Hesse ein einziges Mal besucht, 1959 im Tessin. Hat er Sie in irgendeiner Weise literarisch geprägt?
Domin: In keiner Weise. Beeinflußt haben mich Dichter wie Rafael Alberti und Giuseppe Ungaretti. Allerdings habe ich Hesses "Narziß und Goldmund" in der Dominikanischen Republik gelesen, in schlechter englischer Übersetzung, das war eine Heimwehlektüre. Und ich habe mit Hesse über den Titel meines ersten in Deutschland veröffentlichten Gedichtbandes gesprochen: "Nur eine Rose als Stütze". Er war damit einverstanden.

Frage: Können Sie den Titel erläutern?
Domin: Das Zerbrechlichste ist der Halt. Das ganze Leben ist paradox. Der Titel ist Ausdruck dieser Paradoxie.

Frage: Als Sie 1954, nach 22 Jahren, nach Deutschland zurückgekehrt, sagte Sie, "der Sprache wegen bin ich zurückgekommen". Für Paul Celan war Deutsch immer auch die Sprache der Mörder seiner Eltern . . .
Domin: Die deutsche Sprache ist die Sprache von Goethe und Rilke, auch von Thomas Mann, es ist nicht nur die Sprache der Mörder.

Frage: 1968 erregten Sie mit "Wozu Lyrik heute" Aufsehen, einem profunden Buch über "Dichtung und Leser in der gesteuerten Gesellschaft". Wenn man den Titel mit einem Fragezeichen versähe, was würden Sie antworten?
Domin: Nichts anderes als das, was ich damals geschrieben und in Poetikvorlesungen in Frankfurt und Mainz dargelegt habe. Sie standen unter dem Motto "Das Gedicht als Augenblick von Freiheit". Lyrik ist dazu da, um sich freizumachen von dem, was einen bedrückt. Um von Belastungen loszukommen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Für den Katholiken ist die einfachste der Beichtstuhl. Oder Sie können einem Analytiker von Ihren Nöten erzählen. Die dritte Möglichkeit ist, Gedichte zu schreiben. Dichten heißt Benennen. Das Benennen macht frei - als Gegensatz zum Verdrängen.

Frage: Sie haben Lyrik-Anthologien herausgegeben, etwa "Nachkrieg und Unfrieden". Welche zeitgenössischen Lyriker schätzen Sie besonders?
Domin: Ich war in Jurys dabei, die Reiner Kunze und dem Perser Said einen Preis gegeben haben. Sehr gut finde ich den in Leipzig lebenden Michael Wüstefeld, einen unterbewerteten Lyriker. Auch Durs Grünbein gehört zu den besten zeitgenössischen Autoren.

Mittel gegen Programmierung

Frage: In der Brechtstadt Augsburg liegt die Frage nahe, ob man der Dichtung politische Wirkung zusprechen kann . . .
Domin: Lyrik steigert das Verantwortungsgefühl, sie erhöht die Identität des Menschen und wehrt Tendenzen der Programmierung. Ich glaube nicht an die Änderung der Wirklichkeit durchs Gedicht, aber an die Änderung des Einzelschicksals.

Frage: Sie sind Mitglied des Pen-Autorenverbandes, mithin Zeugin des sich zäh hinziehenden Einigungsprozesses der west- und ostdeutschen Schriftsteller. Wie sieht Ihre Lösung des Problems aus?
Domin: Ich habe vorgeschlagen, den West- und Ost-Pen und auch den Exil-Pen aufzulösen und eine Kommission zu bestimmen, die einen neuen Pen wählt. Aber mein Bestreben, völlig neu anzufangen, war nicht mehrheitsfähig.



Hilde Domin bei ihrer Lesung im Augsburger Rathaus.
Bild: Erich Jaut

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