Augsburger Allgemeine 24.03.1997
AZ / Nummer 69

Joachim-Ernst Berendt

Joachim-Ernst Berendt - ehemaliger Jazz-Papst und Hesse-Liebhaber.
Bild: Brigitte Friedrich

Mensch im Sphärenklang

Wie Ex-Jazz-Papst Joachim-Ernst Berendt Hesse erlebt(e)

(sysch). "... und Gesichter ruhten, flossen erzeugten sich, schwammen dahin und strömten ineinander..." Der Jazz-Papst von einst, Joachim-Ernst Berendt, las diese Siddharta-Worte und legte bei Bücher Pustet unter dem Motto "Hermann Hesse als Beginn einer Ära" Zeugnis für den Autor ab. Es war der letzte Vortrag der dreimonatigen Literaturreihe über den Dichter aus Calw (siehe auch Kultur).

Berendts Argumentation begann auf der Gefühlsebene und endete auch dort. So verlieh sein Vortrag, frei nach Eichendorff den Seelen der vielen Zuhörer Flügel. Leise erzählte er, wie ihn Hesse im Los Angeles der Flower-Power-Zeit eingeholt und sein Bewußtsein verändert habe.
In keinem anderen Vortrag, in keiner der vorangegangenen Lesungen wurde die spirituelle Komponente des Hesse-Werks derartig ins Zentrum gerückt wie zum Abschluß der Reihe von Behrendt.


Nobelpreisträger ein Gartenzwerg?

Der Dichter als Heilsverkünder - Berendt kritisierte die Literaturwissenschaftler, die es gewagt hatten, den Nobelpreisträger von 1946 als "Gartenzwerg" auf die gepflegte deutsche Literaturwiese zu stellen. Seiner Meinung nach sei Hesse der "welthaltigste (?)" der deutschen Schriftsteller gewesen, ein Mensch, der die Sphärenklänge des Kosmos erspürt habe, der auch in seinem Musikverständnis eine "Spur durch diese Zeit" gelegt habe. Schließlich zog das Hörbeispiel aus Berendts eigener Plattenproduktion "Hesse Between Music" mit dem Komponisten Peter Michael Hamel an der Orgel und Gert Westphal als Sprecher alle Lauschenden in einen melodramatischen Sog. Nur vor dem Hintergrund der Wandlung vom Jazz-Redakteur Berendt zum New-Age-Journalisten wird es verständlich, daß er Hesse in den esoterischen Kontext einschließt.
Schade war aber, daß durch eine fehlende Diskussion die Gefühle nicht hinterfragt werden konnten und niemand die Möglichkeit hatte, nachzuhaken, woher Berendt denn wisse, daß Hermann Hesse "die Kindheit hatte, die er brauchte", und warum man durch Hesse-Texte "heil" werde, denn bekanntlich wirkt gerade der "Steppenwolf" auf viele eher beängstigend als beruhigend.

Hermann Hesse

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